Mein Kind läuft noch nicht, ist das normal?
- 18. Aug.
- 28 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Aug.
Dein Kind krabbelt durch die Wohnung, zieht sich vielleicht schon am Sofa hoch und bewegt sich an Möbeln entlang, aber die ersten freien Schritte lassen auf sich warten. Besonders wenn gleichaltrige Kinder bereits laufen, stellt sich schnell die Frage: Ist es noch normal, wenn mein Kind noch nicht läuft?
Hier kannst du den Selbstcheck machen:
Der Zeitpunkt der ersten selbstständigen Schritte unterscheidet sich tatsächlich deutlich von Kind zu Kind. Nach den Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt der mittlere Zeitpunkt für das freie Laufen bei etwa 12 Monaten. Die beobachtete Entwicklungsspanne ist jedoch wesentlich grösser: Manche Kinder laufen bereits deutlich vor ihrem ersten Geburtstag, andere erst mehrere Monate später. In der WHO-Studie erreichten 99 % der untersuchten Kinder das freie Laufen bis ungefähr 17,6 Monate.
Deshalb sagt das Alter allein noch relativ wenig darüber aus, ob sich ein Kind motorisch unauffällig entwickelt. Mindestens genauso wichtig ist, was dein Kind bereits kann und wie sich seine Fähigkeiten in den vergangenen Monaten entwickelt haben.
Ein Kind, das mit 15 Monaten noch nicht frei läuft, sich aber selbstständig hochzieht, sicher an Möbeln entlanggeht und zunehmend versucht loszulassen, befindet sich in einer anderen Ausgangssituation als ein gleichaltriges Kind, das noch Schwierigkeiten hat, sein Gewicht auf die Beine zu übernehmen.
Spätestens wenn ein Kind mit 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft, ist eine gezielte Beurteilung der motorischen Entwicklung sinnvoll. Auch die American Academy of Pediatrics betrachtet selbstständiges Sitzen, Stehen und Gehen beim 18-Monats-Termin als wichtige grobmotorische Fähigkeiten.
Entscheidend ist also nicht nur die Frage „Wann läuft mein Kind?“, sondern auch: Welche Entwicklungsschritte sind bereits vorhanden, macht mein Kind Fortschritte und gibt es weitere Auffälligkeiten?

Inhaltsverzeichnis
Ab wann laufen Kinder normalerweise?
Der erste Geburtstag wird häufig als Orientierungspunkt für die ersten Schritte wahrgenommen. Medizinisch ist 12 Monate aber keine feste Grenze, bis zu der ein Kind laufen können muss.
Die WHO untersuchte die motorische Entwicklung von Kindern aus verschiedenen Ländern und ermittelte sogenannte Entwicklungsfenster. Beim selbstständigen Gehen zeigte sich eine besonders grosse Spannbreite: Die ersten Kinder liefen bereits mit etwas mehr als 8 Monaten, während das 99. Perzentil bei rund 17,6 Monaten lag. Die Hälfte der untersuchten Kinder lief bis ungefähr zum Alter von 12 Monaten selbstständig.
Das bedeutet nicht, dass jedes Kind, das innerhalb dieses Zeitraums laufen lernt, automatisch motorisch unauffällig ist. Die Zahlen zeigen vielmehr, wie unterschiedlich der Zeitpunkt eines einzelnen Entwicklungsschrittes sein kann.
Warum das Alter allein nicht ausreicht
Stell dir zwei Kinder vor, die beide 16 Monate alt sind und noch nicht frei laufen.
Das erste Kind krabbelt sicher, zieht sich überall selbstständig hoch, läuft seitlich am Sofa entlang, wechselt zwischen verschiedenen Möbelstücken und steht gelegentlich für einige Sekunden frei.
Das zweite Kind sitzt zwar selbstständig, zieht sich aber noch nicht zum Stand hoch und übernimmt im Stehen nur wenig Gewicht auf die Beine.
Auf dem Papier steht bei beiden: 16 Monate und läuft noch nicht. Motorisch befinden sich die beiden Kinder aber an unterschiedlichen Punkten.
Deshalb werden bei einer Beurteilung nicht nur die ersten freien Schritte betrachtet. Interessant sind beispielsweise die Bewegungsqualität, die Körpersymmetrie, die Muskelspannung, das Stehen, die Gewichtsübernahme auf die Beine und vor allem die Frage, ob kontinuierlich neue Fähigkeiten hinzukommen.
Welche Entwicklungsschritte kommen vor dem freien Laufen?
Laufen entsteht nicht plötzlich. Schon Monate vor den ersten freien Schritten entwickelt dein Kind Fähigkeiten, die es später dafür benötigt.
Dazu gehören unter anderem Gleichgewicht, Kraft, Rumpfstabilität, Gewichtsverlagerung und die Fähigkeit, unterschiedliche Positionen selbstständig einzunehmen und wieder zu verlassen.
Typische Entwicklungsschritte können beispielsweise sein:
sich drehen und auf dem Boden fortbewegen
selbstständig sitzen und die Position wechseln
sich an Möbeln zum Stand hochziehen
mit Unterstützung stehen
das Körpergewicht von einem Bein auf das andere verlagern
seitlich an Möbeln entlanggehen
zwischen verschiedenen Möbelstücken wechseln
kontrolliert vom Stand wieder nach unten gelangen
kurz ohne Festhalten stehen
schliesslich die ersten freien Schritte machen
Diese Fähigkeiten entstehen nicht bei jedem Kind in exakt derselben Reihenfolge. Auch die WHO-Daten zeigen unterschiedliche Entwicklungssequenzen. Ein kleiner Teil der untersuchten Kinder erreichte beispielsweise das freie Gehen, ohne zuvor klassisches Krabbeln auf Händen und Knien gezeigt zu haben.
Wichtiger als eine perfekte Reihenfolge ist deshalb die Frage, ob dein Kind seine Bewegungsmöglichkeiten erweitert und zunehmend selbstständiger wird.
Vom Festhalten zum freien Schritt
Für einen Erwachsenen wirkt ein einzelner Schritt selbstverständlich. Für ein Kind ist er motorisch anspruchsvoll.
Solange dein Kind am Sofa steht, kann es sich mit den Händen stabilisieren. Beim freien Laufen fällt diese Unterstützung weg. Das Körpergewicht muss auf ein Bein verlagert werden, während das andere den Boden verlässt. Gleichzeitig muss dein Kind das Gleichgewicht halten und den nächsten Schritt vorbereiten.
Deshalb können zwischen dem ersten Hochziehen und den ersten freien Schritten durchaus mehrere Monate liegen.
Ein Kind, das sicher an Möbeln entlangläuft, kontrolliert wieder zum Boden kommt und zunehmend häufiger eine Hand loslässt, sammelt bereits wichtige Erfahrungen für das spätere freie Gehen.
Muss ein Kind krabbeln, bevor es laufen kann?
Nein. Ein Kind muss nicht zwingend klassisch krabbeln, bevor es laufen lernt.
Krabbeln auf Händen und Knien ist zwar ein häufiger Entwicklungsschritt, aber keine zwingende Voraussetzung für das spätere freie Gehen. In der WHO-Studie gab es ebenfalls Kinder, die das untersuchte Krabbel-Meilenstein nicht zeigten und trotzdem die weiteren motorischen Meilensteine erreichten.
Manche Kinder robben zunächst auf dem Bauch, andere bewegen sich sitzend fort oder finden eigene Strategien, um von einem Ort zum anderen zu gelangen.
Das fehlende Krabbeln allein ist deshalb noch kein zuverlässiges Zeichen für eine Entwicklungsstörung.
Interessanter wird wie sich dein Kind bewegt. Nutzt es beide Körperseiten? Kann es selbstständig Positionen wechseln? Wird ein Bein oder Arm deutlich weniger eingesetzt? Entwickelt es neue Bewegungsstrategien?
Eine ausgeprägte und anhaltende Asymmetrie kann beispielsweise wichtiger sein als die Frage, ob ein Kind klassisch gekrabbelt hat. Bei Kindern mit erhöhtem neurologischem Entwicklungsrisiko nennt die AAP unter anderem asymmetrische Bewegungen, auffällige Muskelspannung und ungewöhnliche Bewegungsmuster als Gründe für eine genauere Beurteilung.
Fehlt das Krabbeln, während sich dein Kind ansonsten kontinuierlich weiterentwickelt, ist das also anders zu beurteilen als fehlendes Krabbeln zusammen mit mehreren weiteren motorischen Auffälligkeiten.
Mein Kind läuft mit 12 Monaten noch nicht, ist das normal?
Mit 12 Monaten noch nicht frei zu laufen, liegt innerhalb der normalen Entwicklungsspanne. Der erste Geburtstag ist keine feste Grenze, bis zu der ein Kind selbstständig laufen können muss.
Die WHO-Daten zeigen, dass der Zeitpunkt des freien Laufens stark variiert. Einige Kinder machen ihre ersten freien Schritte deutlich vor dem ersten Geburtstag, andere erst mehrere Monate danach. Deshalb ist es mit 12 Monaten meist wesentlich interessanter zu betrachten, welche motorischen Fähigkeiten dein Kind bereits entwickelt hat, als nur danach zu fragen, ob es schon läuft.
Vielleicht zieht sich dein Kind bereits an Möbeln hoch, steht mit Unterstützung oder beginnt, sich seitlich am Sofa entlangzubewegen. Auch das selbstständige Wechseln zwischen Boden, Sitzen und höheren Positionen zeigt, dass wichtige Voraussetzungen für das spätere Laufen entstehen.
Es gibt aber keinen festen Katalog an Fähigkeiten, den ein Kind an seinem ersten Geburtstag erfüllen muss. Auch Kinder, die mit 12 Monaten noch nicht stehen oder an Möbeln entlanglaufen, müssen nicht automatisch eine Entwicklungsstörung haben.
Entscheidend ist das Gesamtbild: Macht dein Kind motorische Fortschritte? Nutzt es beide Körperseiten? Kann es sich selbstständig fortbewegen und Positionen verändern? Gibt es zusätzliche Auffälligkeiten?
Mein Kind läuft mit 15 oder 16 Monaten noch nicht, muss ich mir Sorgen machen?
Auch mit 15 oder 16 Monaten kann es vorkommen, dass ein Kind noch nicht frei läuft. In diesem Alter lohnt es sich jedoch zunehmend, genauer darauf zu achten, welche Fähigkeiten unmittelbar vor dem selbstständigen Gehen bereits vorhanden sind.
Ein Kind kann beispielsweise noch nicht frei laufen, sich aber:
selbstständig zum Stand hochziehen
sicher an Möbeln entlangbewegen
von einem Möbelstück zum nächsten wechseln
kontrolliert wieder hinsetzen
kurzzeitig ohne Festhalten stehen
zunehmend mit nur einer Hand festhalten
Das zeigt, dass bereits zahlreiche Voraussetzungen für das freie Gehen vorhanden sind.
Anders sieht die Situation aus, wenn ein Kind mit 15 oder 16 Monaten beispielsweise noch Schwierigkeiten beim selbstständigen Sitzen hat, sich nicht hochzieht, kaum Gewicht auf die Beine übernimmt oder über längere Zeit keine neuen motorischen Fähigkeiten entwickelt.
Das bedeutet ebenfalls nicht automatisch, dass eine Erkrankung vorliegt. Es sind aber zusätzliche Informationen, die eine genauere Betrachtung sinnvoll machen können.
Entscheidend ist der Entwicklungsverlauf
Ein einzelner Meilenstein ist immer nur eine Momentaufnahme.
Deshalb ist beispielsweise folgende Entwicklung relevant:
Vor zwei Monaten hat dein Kind begonnen, sich hochzuziehen. Inzwischen läuft es seitlich am Sofa entlang. Seit Kurzem wechselt es zwischen Sofa und Couchtisch und steht manchmal einige Sekunden frei.
Auch wenn die ersten Schritte noch fehlen, ist eine klare Entwicklung erkennbar.
Wenn dagegen über längere Zeit kaum neue motorische Fähigkeiten hinzukommen oder mehrere Entwicklungsschritte deutlich verzögert erscheinen, sollte nicht ausschliesslich darauf gewartet werden, dass das Laufen irgendwann von selbst beginnt.
Mein Kind läuft mit 18 Monaten noch nicht, sollte das abgeklärt werden?
Wenn dein Kind mit 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft, ist eine fachliche Beurteilung der motorischen Entwicklung sinnvoll.
Das bedeutet nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt. Der Zeitpunkt ist aber relevant, weil das freie Gehen zu den motorischen Fähigkeiten gehört, die in diesem Alter bei der Entwicklungsbeurteilung berücksichtigt werden.
Auch die American Academy of Pediatrics empfiehlt eine standardisierte Entwicklungsbeurteilung im Alter von 18 Monaten. Das selbstständige Gehen gehört dabei zu den wichtigen grobmotorischen Entwicklungsschritten.
Eine Abklärung soll vor allem beantworten:
Warum läuft das Kind noch nicht und wie sieht seine motorische Entwicklung insgesamt aus?
Dabei wird beispielsweise betrachtet, ob dein Kind:
selbstständig sitzt
sich auf dem Boden fortbewegt
sich zum Stand hochzieht
Gewicht auf beide Beine übernimmt
mit Unterstützung steht
an Möbeln entlangläuft
beide Körperseiten ähnlich benutzt
neue motorische Fähigkeiten entwickelt
Ein Kind, das mit 18 Monaten sicher an Möbeln entlangläuft und kurz vor den ersten freien Schritten steht, kann anders beurteilt werden als ein Kind, das sich noch nicht selbstständig hochzieht oder kaum Gewicht auf seine Beine übernimmt.
Deshalb sollte die Grenze von 18 Monaten nicht als Diagnose verstanden werden. Sie ist vielmehr ein sinnvoller Orientierungspunkt für eine genauere Entwicklungsbeurteilung.
Selbstcheck: Mein Kind läuft noch nicht, was nun?
Dein Kind läuft noch nicht und du bist unsicher, ob du die Entwicklung zunächst weiter beobachten kannst oder eine Abklärung sinnvoll wäre?
Unser kurzer Selbstcheck berücksichtigt nicht nur das Alter, sondern auch wichtige motorische Fähigkeiten und mögliche Auffälligkeiten. Dadurch erhältst du eine erste Orientierung, ob eine fachliche Einschätzung sinnvoll sein könnte.
→ Selbstcheck starten: Mein Kind läuft noch nicht, was nun?
Der Selbstcheck ersetzt keine kinderärztliche oder kinderphysiotherapeutische Untersuchung.
Warum läuft mein Kind noch nicht?
Hinter spätem Laufen können sehr unterschiedliche Gründe stecken. Häufig lässt sich nicht eine einzelne Ursache bestimmen. Entscheidend ist deshalb, nicht vorschnell von einem bestimmten Alter auf eine Entwicklungsstörung zu schliessen.
Normale Entwicklungsvariation
Ein Teil der Kinder erreicht das freie Gehen schlicht später als andere.
Das wird besonders deutlich, wenn man die WHO-Daten betrachtet: Die Zeitspanne, in der gesunde Kinder bestimmte motorische Meilensteine erreichen, ist gross.
Wenn dein Kind kontinuierlich neue Fähigkeiten entwickelt, sich zunehmend hochzieht, steht und an Möbeln entlangbewegt, können die freien Schritte einfach etwas später folgen.
Trotzdem sollte „spätes Laufen“ nicht automatisch mit einer normalen Entwicklungsvariation gleichgesetzt werden. Entscheidend ist, ob weitere Auffälligkeiten vorhanden sind.
Wenig Erfahrung im freien Stehen und Bewegen
Kinder lernen Bewegung vor allem durch Bewegung.
Auf dem Boden zu spielen, selbstständig Positionen zu wechseln, sich hochzuziehen, wieder hinunterzugehen und verschiedene Untergründe kennenzulernen, liefert zahlreiche Erfahrungen für Gleichgewicht und Körperkontrolle.
Dabei geht es nicht darum, ein bestimmtes Trainingsprogramm durchzuführen. Im normalen Alltag entstehen bereits viele geeignete Situationen.
Auch sollte daraus keine Schuldfrage entstehen. Wenn ein Kind später läuft, lässt sich daraus nicht ableiten, dass Eltern zu wenig mit ihm geübt hätten.
Unsicherheit beim freien Stehen
Manchmal sind körperlich bereits viele Voraussetzungen vorhanden, aber das Kind möchte seine sichere Unterstützung noch nicht loslassen.
Am Sofa läuft es problemlos. An einer Hand geht es durch das Wohnzimmer. Sobald die Hand weggenommen wird, setzt es sich hin.
Das kann daran liegen, dass freies Stehen und Gehen deutlich höhere Anforderungen an das Gleichgewicht stellen. Durch wiederholte eigene Erfahrungen lernt das Kind, kleinere Gleichgewichtsverluste zunehmend selbst zu korrigieren.
In solchen Situationen ist es normalerweise sinnvoller, sichere Möglichkeiten zum selbstständigen Ausprobieren anzubieten, statt das Kind immer wieder zum Loslassen zu drängen.
Muskelspannung und Kraft
Damit ein Kind stehen und laufen kann, müssen Rumpf und Beine ausreichend stabilisiert werden.
Dabei spielt die sogenannte Muskelspannung eine Rolle. Damit ist die Grundspannung gemeint, die in unserer Muskulatur vorhanden ist, auch wenn wir sie nicht bewusst kräftig anspannen.
Ist diese Spannung auffällig niedrig, kann ein Kind beispielsweise instabil wirken und mehr Kraft benötigen, um seinen Körper gegen die Schwerkraft aufzurichten. Bei deutlich erhöhter Muskelspannung können Bewegungen dagegen steif oder wenig variabel wirken.
Auch Kraft und Muskelspannung sollten nie anhand einer einzelnen Beobachtung zuhause beurteilt werden. Ob tatsächlich eine Auffälligkeit besteht, lässt sich durch eine fachliche Untersuchung wesentlich zuverlässiger einschätzen.
Beweglichkeit und Gelenke
Für das Laufen müssen Hüfte, Knie und Füsse Bewegungen zulassen und gleichzeitig ausreichend Stabilität bieten.
Einige Kinder sind beispielsweise sehr beweglich. Das allein ist zunächst keine Erkrankung. Eine ausgeprägte Gelenkbeweglichkeit kann aber dazu führen, dass mehr muskuläre Kontrolle notwendig ist, um beim Stehen und Gehen Stabilität aufzubauen.
Auch orthopädische Besonderheiten können die motorische Entwicklung beeinflussen. Solche Ursachen sind jedoch nicht allein daran zu erkennen, dass ein Kind etwas später läuft.
Neurologische oder entwicklungsbedingte Ursachen
In einem kleineren Teil der Fälle kann verzögertes Laufen mit einer neurologischen, muskulären, genetischen oder allgemeinen Entwicklungsauffälligkeit zusammenhängen.
Dabei treten häufig weitere Hinweise hinzu. Dazu können beispielsweise eine auffällige Muskelspannung, deutliche Seitenunterschiede, ungewöhnliche Bewegungsmuster oder Verzögerungen in mehreren Entwicklungsbereichen gehören.
Genau deshalb ist das Gesamtbild wichtiger als ein einzelner Meilenstein.
Spätes Laufen allein erlaubt keine Diagnose.
Besonders ernst genommen werden sollte dagegen, wenn ein Kind Fähigkeiten verliert, die es zuvor bereits sicher beherrscht hat. Eine solche Entwicklungsregression sollte zeitnah kinderärztlich beurteilt werden.
Frühgeburt
Bei frühgeborenen Kindern muss bei der Beurteilung von Entwicklungsmeilensteinen berücksichtigt werden, dass sie weniger Zeit für die Entwicklung im Mutterleib hatten.
Dafür wird in den ersten Lebensjahren häufig das sogenannte korrigierte Alter verwendet.
Ein Beispiel:
Ein Kind wurde acht Wochen vor dem errechneten Geburtstermin geboren und ist heute 14 Monate alt. Bezogen auf den errechneten Geburtstermin beträgt sein korrigiertes Alter ungefähr 12 Monate.
Bei der Einschätzung seiner motorischen Entwicklung kann dieser Unterschied relevant sein.
Wie lange das korrigierte Alter berücksichtigt wird und wie die Entwicklung im konkreten Fall einzuordnen ist, hängt unter anderem vom Grad der Frühgeburt und vom individuellen Entwicklungsverlauf ab.
Welche Zeichen sprechen dafür, dass mein Kind auf einem guten Weg zum Laufen ist?
Bevor ein Kind die ersten freien Schritte macht, lassen sich häufig bereits Fähigkeiten beobachten, die zeigen, dass es zunehmend Kontrolle im Stand entwickelt.
Dazu kann gehören, dass dein Kind sich selbstständig an Möbeln hochzieht und dort stabil stehen kann. Anschliessend beginnt es häufig, das Gewicht von einem Bein auf das andere zu verlagern und seitlich am Möbelstück entlangzugehen.
Später werden die Anforderungen schwieriger: Das Kind dreht sich im Stand, greift nach einem Gegenstand, hält sich nur noch mit einer Hand fest oder versucht, einen kleinen Abstand zwischen zwei Möbelstücken zu überwinden.
Auch das kontrollierte Hinunterkommen ist wichtig. Ein Kind muss nicht nur lernen aufzustehen. Es muss auch herausfinden, wie es aus dem Stand wieder sicher zum Boden gelangt.
Mit zunehmender Sicherheit können weitere Fähigkeiten hinzukommen:
für einige Sekunden frei stehen
beim Spielen beide Hände vom Möbel lösen
einen Gegenstand im Stand mit beiden Händen halten
zwischen zwei nahen Möbelstücken wechseln
aus dem Stand kontrolliert in die Hocke gehen
ohne Festhalten wieder aufstehen
einzelne freie Schritte zu einer vertrauten Person machen
Nicht jedes Kind zeigt alle diese Fähigkeiten in derselben Reihenfolge.
Sie verdeutlichen aber einen wichtigen Grundsatz: Laufenlernen beginnt lange vor dem ersten freien Schritt.
Wenn sich dein Kind in diesen Bereichen kontinuierlich weiterentwickelt, liefert das oft mehr Information über seinen motorischen Fortschritt als ein direkter Vergleich mit einem gleichaltrigen Kind.
Welche Warnzeichen sollte ich ernst nehmen?
Nicht jedes Kind, das später laufen lernt, hat eine Entwicklungsstörung. Bestimmte Beobachtungen sind aber wichtiger als der Zeitpunkt der ersten Schritte und sollten genauer abgeklärt werden.
Dabei zählt immer das Gesamtbild. Eine einzelne ungewöhnliche Bewegung bedeutet noch nicht, dass etwas nicht stimmt. Auffälliger wird es, wenn mehrere Besonderheiten zusammenkommen, deutlich ausgeprägt sind oder sich über längere Zeit kaum Fortschritte zeigen.
Bereits erlernte Fähigkeiten gehen wieder verloren
Wenn dein Kind etwas, das es bereits sicher konnte, plötzlich nicht mehr kann, sollte das ärztlich abgeklärt werden.
Das betrifft beispielsweise ein Kind, das bereits selbstständig stehen konnte und diese Fähigkeit wieder verliert. Ein solcher Verlust unterscheidet sich deutlich davon, dass ein neuer Entwicklungsschritt einfach etwas länger auf sich warten lässt.
Der Verlust motorischer Fähigkeiten kann unterschiedliche Ursachen haben und gehört deshalb nicht in die Kategorie „spätes Laufen = erst einmal abwarten“.
Eine Körperseite wird deutlich weniger benutzt
Beim Spielen und Bewegen dürfen Kinder natürlich unterschiedliche Strategien ausprobieren. Eine über längere Zeit deutlich ausgeprägte Seitendifferenz sollte jedoch genauer betrachtet werden.
Das kann beispielsweise auffallen, wenn dein Kind:
ein Bein beim Fortbewegen kaum einsetzt
sich fast ausschliesslich über dieselbe Seite hochzieht
einen Arm deutlich weniger benutzt
beim Stehen ein Bein konsequent entlastet
Bewegungen rechts und links sehr unterschiedlich ausführt
Eine früh ausgeprägte einseitige Handpräferenz kann ebenfalls relevant sein. Die AAP weist darauf hin, dass eine deutliche Händigkeit vor dem Alter von 18 Monaten zusammen mit anderen Auffälligkeiten ein Hinweis auf eine asymmetrische motorische Funktion sein kann.
Die Bewegungen wirken auffällig steif oder sehr schlaff
Für Sitzen, Stehen und Gehen braucht der Körper eine angemessene Muskelspannung.
Wirkt ein Kind dauerhaft sehr steif, sind seine Bewegungen ungewöhnlich eingeschränkt oder erscheinen die Beine beispielsweise beim Stehen auffällig angespannt, sollte dies beurteilt werden.
Auch das Gegenteil kann auffallen: Manche Kinder wirken ungewöhnlich „weich“, haben Mühe, ihren Körper gegen die Schwerkraft zu stabilisieren, oder benötigen deutlich mehr Unterstützung beim Sitzen und Stehen.
Die Muskelspannung lässt sich zuhause allerdings nur begrenzt beurteilen. Ob tatsächlich eine sogenannte Hypotonie (eine verminderte Muskelspannung) oder eine erhöhte Muskelspannung besteht, gehört in die Hände von Fachpersonen.
Dein Kind übernimmt kaum Gewicht auf die Beine
Wenn dein Kind beim unterstützten Stehen die Beine immer wieder hochzieht, stark einknickt oder auch im späteren zweiten Lebensjahr kaum Gewicht über die Beine übernimmt, ist eine genauere Beurteilung sinnvoll.
Dabei muss nicht automatisch eine neurologische Ursache dahinterstecken. Auch Kraft, Gelenkbeweglichkeit, orthopädische Faktoren, Erfahrung im Stand und andere Aspekte können eine Rolle spielen.
Entscheidend ist herauszufinden, warum das Stehen schwierig ist.
Über längere Zeit kommen kaum neue Fähigkeiten hinzu
Entwicklung verläuft nicht gleichmässig. Es gibt Phasen mit schnellen Fortschritten und Zeiten, in denen äusserlich wenig Neues passiert.
Wenn über einen längeren Zeitraum jedoch kaum motorische Veränderungen erkennbar sind und gleichzeitig erwartbare Fähigkeiten deutlich fehlen, sollte die Entwicklung genauer betrachtet werden.
Dabei geht es nicht darum, jede Woche einen neuen Meilenstein abzuhaken. Relevant ist vielmehr die Richtung: Erweitert dein Kind seine Bewegungsmöglichkeiten? Wird es selbstständiger? Probiert es neue Übergänge und Positionen aus?
Weitere Auffälligkeiten kommen hinzu
Eine Abklärung ist besonders sinnvoll, wenn spätes Laufen nicht isoliert auftritt.
Dazu können beispielsweise deutliche Auffälligkeiten der Muskelspannung, ausgeprägte Bewegungsasymmetrien, Schmerzen oder Verzögerungen in weiteren Entwicklungsbereichen gehören.
Auch anhaltendes Zehenspitzestehen sollte im Zusammenhang betrachtet werden. Gelegentlich auf die Zehenspitzen zu gehen ist bei kleinen Kindern nicht automatisch krankhaft. Wenn ein Kind jedoch überwiegend oder dauerhaft auf den Zehenspitzen steht oder geht und weitere motorische Auffälligkeiten hinzukommen, sollte dies fachlich beurteilt werden.
Wann sollte ich zum Kinderarzt?
Mit 12 Monaten noch nicht frei zu laufen, ist für sich allein normalerweise kein Grund für eine dringende medizinische Abklärung. Je älter das Kind wird und je mehr weitere motorische Auffälligkeiten hinzukommen, desto wichtiger wird jedoch eine gezielte Entwicklungsbeurteilung.
Eine praktische Orientierung kann so aussehen:
Beim nächsten regulären Termin ansprechen
Sprich die motorische Entwicklung beim nächsten kinderärztlichen Termin an, wenn dein Kind zwar noch nicht läuft, aber kontinuierlich Fortschritte macht und keine weiteren Auffälligkeiten bestehen.
Berichte dabei ruhig konkret, was dein Kind bereits kann: Zieht es sich hoch? Läuft es an Möbeln entlang? Kann es frei stehen? Wie bewegt es sich auf dem Boden?
Solche Informationen sind wesentlich hilfreicher als nur die Aussage „Mein Kind läuft noch nicht“.
Eine gezielte Entwicklungsbeurteilung vereinbaren
Eine genauere Beurteilung ist sinnvoll, wenn dein Kind mit etwa 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft oder wenn schon vorher mehrere motorische Entwicklungsschritte deutlich verzögert erscheinen.
Die American Academy of Pediatrics nennt beim 18-Monats-Screening selbstständiges Sitzen, Stehen und Gehen als relevante grobmotorische Fähigkeiten. Fehlen diese, ist das ein Grund, die motorische Entwicklung genauer zu untersuchen.
Auch wenn du unabhängig vom Alter das Gefühl hast, dass dein Kind über längere Zeit kaum Fortschritte macht, darfst du das ansprechen. Man muss nicht bis zu einer bestimmten Altersgrenze warten, wenn bereits vorher konkrete Auffälligkeiten bestehen.
Zeitnah ärztlich abklären lassen
Eine zeitnahe kinderärztliche Beurteilung ist besonders wichtig, wenn dein Kind bereits erworbene Fähigkeiten wieder verliert, deutliche Seitenunterschiede zeigt, auffällig steif oder schlaff wirkt, Schmerzen hat oder plötzlich eine zuvor mögliche Belastung eines Beines vermeidet.
Hier sollte nicht lediglich darauf gewartet werden, ob sich die Situation in den kommenden Monaten von selbst verändert.
Bei Frühgeborenen muss die Altersbeurteilung zusätzlich angepasst werden. Für die Beurteilung der Entwicklung wird in den ersten beiden Lebensjahren häufig das korrigierte Alter herangezogen. Dabei wird vom errechneten Geburtstermin und nicht allein vom tatsächlichen Geburtstag ausgegangen.
Kann ich mein Kind beim Laufenlernen unterstützen?
Laufenlernen braucht nicht möglichst viel Training. Kinder benötigen vor allem Möglichkeiten, selbstständig Bewegungen auszuprobieren, das Gleichgewicht zu verlieren und wiederzufinden sowie eigene Lösungen für neue Bewegungsaufgaben zu entwickeln.
Du kannst dafür im Alltag geeignete Bedingungen schaffen.
Viel freie Bewegung ermöglichen
Eine sichere Bodenfläche bietet deinem Kind zahlreiche Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden.
Es kann sich drehen, fortbewegen, hinsetzen, hochziehen und wieder zum Boden zurückkehren. Genau diese selbst initiierten Bewegungen liefern Erfahrungen, die später auch für das Stehen und Gehen wichtig sind.
Du musst dein Kind dabei nicht ständig in eine bestimmte Position bringen. Interessanter ist, welche Positionen es selbstständig erreichen und wieder verlassen kann.
Interessante Ziele auf unterschiedlichen Höhen anbieten
Spielzeug muss nicht immer direkt vor deinem Kind auf dem Boden liegen.
Ein interessantes Spielzeug auf einer niedrigen, stabilen Oberfläche kann beispielsweise einen Anreiz bieten, sich hochzuziehen. Ein Gegenstand etwas weiter seitlich kann dazu motivieren, das Gewicht zu verlagern oder einen Schritt am Möbel entlangzumachen.
Dabei sollte die Umgebung sicher sein und das Möbelstück nicht kippen oder wegrutschen können.
Das Ziel ist nicht, dein Kind zum Stehen zu zwingen. Du gestaltest lediglich die Umgebung so, dass es selbst verschiedene Bewegungsmöglichkeiten entdecken kann.
Übergänge zwischen Möbelstücken ermöglichen
Wenn dein Kind bereits sicher am Sofa entlangläuft, können zwei stabile Möbelstücke mit einem kleinen Abstand dazwischen eine neue Aufgabe bieten.
Zunächst hält sich dein Kind vielleicht mit einer Hand am Sofa und mit der anderen am nächsten Möbelstück fest. Später muss es für einen kurzen Moment eine Hand lösen oder das Gewicht stärker auf ein Bein verlagern.
Der Abstand sollte so gewählt sein, dass dein Kind die Situation selbst bewältigen kann. Wird es unsicher oder setzt sich hin, ist das kein Fehler. Auch das sichere Zurückkehren zum Boden gehört zum Lernen.
Barfuss stehen und laufen
Auf einem sicheren, angenehm temperierten Untergrund kann dein Kind zuhause gut barfuss stehen und seine ersten Schritte ausprobieren.
Dabei können sich Fuss und Zehen frei bewegen und der direkte Kontakt mit dem Boden liefert viele sensorische Informationen.
Daraus sollte jedoch keine starre Regel entstehen. Barfusslaufen ist keine Voraussetzung dafür, dass ein Kind laufen lernt. Entscheidend sind sichere Bewegungsmöglichkeiten und eine Umgebung, in der dein Kind selbst aktiv sein kann.
Geeignete Schuhe verwenden
Drinnen sind Schuhe häufig gar nicht notwendig. Draussen erfüllen sie dagegen eine wichtige Schutzfunktion gegen Kälte, Hitze, scharfe Gegenstände und raue Untergründe.
Bei den ersten Schuhen ist vor allem wichtig, dass sie gut passen, ausreichend Platz für die Zehen bieten und natürliche Bewegungen des Fusses nicht unnötig einschränken.
Ein spezieller „Lernschuh“, der einem gesunden Kinderfuss das Laufen beibringt, ist nicht notwendig.
Nicht ständig an beiden Händen führen
Ein Kind an beiden Händen durch die Wohnung zu führen, kann Spass machen. Es ist aber nicht erforderlich, damit dein Kind laufen lernt.
Beim freien Gehen muss dein Kind sein Gleichgewicht selbst organisieren. Wird es dauerhaft an beiden Händen gehalten, übernimmt der Erwachsene einen Teil dieser Aufgabe.
Gelegentlich an einer oder beiden Händen zu gehen, ist deshalb nicht problematisch. Es sollte nur nicht die wichtigste Form des Lauftrainings werden.
Gib deinem Kind auch genügend Möglichkeiten, sich selbst hochzuziehen, seitlich an Möbeln entlangzugehen, wieder zum Boden zurückzukehren und schliesslich selbst zu entscheiden, wann es loslassen möchte.
Welche Übungen können das Laufenlernen unterstützen?
Ein gesundes Kind muss das Laufen nicht nach einem festen Übungsplan trainieren. Sinnvoller sind spielerische Situationen, in denen es selbstständig Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung und unterschiedliche Bewegungsübergänge ausprobieren kann.
Die folgenden Übungen sind deshalb eher Bewegungsangebote als klassisches Training. Sie eignen sich vor allem für Kinder, die bereits beginnen, sich hochzuziehen oder mit Unterstützung zu stehen.
Wenn dein Kind diese Voraussetzungen noch nicht zeigt, solltest du die Übungen nicht erzwingen. Dann ist zunächst interessanter, warum der nächste Entwicklungsschritt noch nicht gelingt.
1. Selbstständig hochziehen
Ausgangsposition: Dein Kind sitzt oder kniet vor einem stabilen Sofa oder einem niedrigen, kippsicheren Möbelstück.
Durchführung: Lege ein interessantes Spielzeug so auf die Oberfläche, dass dein Kind es sehen kann. Gib ihm Zeit, selbst einen Weg nach oben zu finden. Ziehe es nicht an den Armen in den Stand.
Orientierung: Die Situation kann mehrmals am Tag ganz natürlich ins Spielen eingebaut werden. Feste Wiederholungszahlen sind nicht notwendig.
Worauf achten? Das Möbelstück muss stabil sein. Beobachte ausserdem, ob dein Kind beide Beine nutzt oder sich auffällig häufig nur über dieselbe Seite hochzieht.
Ziel: Eigenständige Übergänge vom Boden in höhere Positionen sowie Kraft und Körperkontrolle fördern.
2. Seitlich am Sofa entlanggehen
Ausgangsposition: Dein Kind steht bereits selbstständig mit Festhalten an einem stabilen Sofa oder Möbelstück.
Durchführung: Platziere ein Spielzeug ein kleines Stück seitlich. Um es zu erreichen, muss dein Kind sein Gewicht verlagern und eventuell einen seitlichen Schritt machen.
Beginne mit kurzen Abständen.
Worauf achten? Dein Kind sollte die Bewegung möglichst selbst initiieren. Schiebe seine Beine nicht in die gewünschte Position.
Ziel: Gewichtsverlagerung, Gleichgewicht und seitliche Schritte üben. Diese Fähigkeiten sind wichtige Bausteine auf dem Weg zum freien Gehen.
3. Zwischen zwei stabilen Möbelstücken wechseln
Ausgangsposition: Diese Übung eignet sich erst, wenn dein Kind bereits sicher an Möbeln steht und sich daran entlangbewegen kann.
Durchführung: Stelle zwei stabile Möbelstücke so zueinander, dass dein Kind beide erreichen kann. Ein interessantes Spielzeug auf der anderen Seite kann einen Anreiz zum Wechseln geben.
Mit zunehmender Sicherheit kann der Abstand etwas grösser werden.
Worauf achten? Vergrössere den Abstand nicht mit dem Ziel, dein Kind zum freien Schritt zu zwingen. Es sollte selbst entscheiden können, ob es loslässt, sich weiter festhält oder wieder zum Boden zurückkehrt.
Ziel: Das kurzzeitige Loslassen, Drehen im Stand und Verlagern des Körpergewichts spielerisch fördern.
4. Kontrolliert wieder zum Boden gelangen
Laufenlernen bedeutet nicht nur, nach oben zu kommen. Dein Kind muss auch lernen, eine stehende Position sicher wieder zu verlassen.
Ausgangsposition: Dein Kind steht an einem stabilen Möbelstück.
Durchführung: Platziere ein interessantes Spielzeug etwas tiefer oder auf dem Boden. Dein Kind kann versuchen, aus dem Stand nach unten zu gelangen und den Gegenstand aufzunehmen.
Worauf achten? Hebe dein Kind nicht jedes Mal aus dem Stand herunter, sobald es nicht weiterweiss. Wenn die Umgebung sicher ist, darf es zunächst selbst nach einer Lösung suchen.
Ziel: Kontrollierte Gewichtsverlagerung und selbstständige Übergänge zwischen Stand und Boden entwickeln.
5. Im Stand mit beiden Händen spielen
Ausgangsposition: Dein Kind kann bereits sicher an einer stabilen Oberfläche stehen.
Durchführung: Biete ihm einen interessanten Gegenstand an, den es mit beiden Händen untersuchen möchte. Dadurch kann es passieren, dass es für einen kurzen Moment eine oder beide Hände von der Unterlage löst.
Worauf achten? Fordere dein Kind nicht ständig zum Loslassen auf. Der entscheidende Schritt soll möglichst von ihm selbst kommen.
Ziel: Die Abhängigkeit von der Unterstützung der Hände langsam reduzieren und Gleichgewichtsreaktionen im Stand fördern.
6. Erste kurze Wege ermöglichen
Wenn dein Kind bereits kurz frei stehen kann, können sehr kleine Abstände interessant werden.
Setze dich beispielsweise in kurzer Entfernung vor dein Kind und biete deine Hände an, ohne es zu ziehen. Auch ein Wechsel zwischen zwei sehr nahen, stabilen Flächen kann die ersten freien Schritte ermöglichen.
Dabei gilt: Nicht die Anzahl der Schritte ist entscheidend.
Hinsetzen, Festhalten oder Zurückkrabbeln sind keine gescheiterten Versuche. Dein Kind sammelt bei all diesen Bewegungen Erfahrungen mit seinem Körper und seinem Gleichgewicht.
Wann solltest du die Übungen nicht einfach weiterführen?
Wenn dein Kind Schmerzen zeigt, ein Bein deutlich entlastet, eine Körperseite kaum benutzt oder Bewegungen auffällig steif beziehungsweise ungewöhnlich schlaff wirken, sollte nicht einfach intensiver geübt werden.
Auch wenn dein Kind deutlich frustriert ist, braucht es keine zusätzlichen Wiederholungen.
Bei auffälligen Bewegungsmustern ist eine gezielte Beurteilung sinnvoller als ein allgemeines Übungsprogramm.
Sind Lauflernhilfen sinnvoll?
Unter dem Begriff „Lauflernhilfe“ werden sehr unterschiedliche Produkte verkauft. Deshalb lässt sich die Frage nicht pauschal beantworten.
Ein stabiler Wagen, den ein bereits stehendes Kind vor sich herschiebt, ist etwas anderes als ein Babywalker oder Gehfrei, in dem das Kind sitzt beziehungsweise hängt und sich mit den Füssen über den Boden abstösst.
Lauflernwagen zum Schieben
Ein Schiebewagen kann für ein Kind interessant sein, das sich bereits selbstständig hochzieht und mit Unterstützung stehen kann.
Entscheidend ist die Stabilität. Ein leichter Wagen, der sofort wegrollt oder kippt, sobald sich das Kind daran hochzieht, ist ungeeignet.
Auch ein stabiler Lauflernwagen ist aber nicht notwendig, damit ein Kind laufen lernt.
Möbel, an denen sich dein Kind sicher hochziehen und seitlich entlangbewegen kann, bieten bereits zahlreiche Möglichkeiten für selbstständige Bewegungserfahrungen.
Babywalker und Gehfrei-Systeme
Anders zu beurteilen sind mobile Babywalker, bei denen das Kind in einem Sitz innerhalb eines fahrbaren Gestells sitzt und sich mit den Füssen abstösst.
Solche Geräte werden von pädiatrischen Fachorganisationen vor allem wegen ihres Verletzungsrisikos kritisch beurteilt. Die American Academy of Pediatrics rät von mobilen Babywalkern ab. Kinder können damit schnell Geschwindigkeit aufnehmen und beispielsweise Treppen, heisse Gegenstände oder andere Gefahren erreichen, die sie ohne das Gerät noch nicht erreichen könnten.
Ein Gehfrei ist ausserdem nicht notwendig, um das Laufen zu lernen.
Das selbstständige Laufen entsteht durch aktive Erfahrungen mit Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung, Aufrichten, Festhalten, Loslassen und schliesslich freien Schritten. Ein Gerät, in dem das Kind gehalten wird, ersetzt diese Entwicklungsschritte nicht.
Braucht mein Kind Lauflernschuhe?
Für die ersten Schritte in einer sicheren Wohnung braucht ein Kind normalerweise keine speziellen Lauflernschuhe.
Barfuss zu stehen und zu gehen ermöglicht dem Fuss direkten Kontakt mit dem Untergrund. Die Zehen können sich frei bewegen und das Kind erhält unmittelbare Informationen darüber, wie sich der Boden unter seinen Füssen anfühlt.
Auch rutschfeste Socken können je nach Boden und Temperatur eine praktische Alternative sein. Sie sollten allerdings tatsächlich guten Halt bieten und nicht im Schuh- oder Zehenbereich verrutschen.
Wann sind Schuhe sinnvoll?
Draussen haben Schuhe vor allem eine Schutzfunktion.
Sie schützen die Füsse beispielsweise vor:
scharfkantigen Gegenständen
rauen Oberflächen
sehr kaltem oder heissem Boden
Nässe und Schmutz
Ein Schuh muss einem gesunden Kinderfuss nicht künstlich „Halt geben“, damit das Kind laufen lernt.
Wichtiger sind eine passende Grösse, ausreichend Platz für die Zehen und eine Konstruktion, die natürliche Bewegungen nicht unnötig einschränkt.
Spezielle Schuhe mit dem Versprechen, ein gesundes Kind schneller oder besser laufen zu lassen, sind nicht erforderlich.
Bei bekannten Fussfehlstellungen oder anderen orthopädischen Besonderheiten können individuelle Empfehlungen notwendig sein.
Was sollte ich beim Laufenlernen vermeiden?
Der Zeitpunkt der ersten Schritte lässt sich nicht sinnvoll erzwingen. Einige gut gemeinte Massnahmen können deshalb mehr Druck erzeugen, ohne die motorische Entwicklung tatsächlich zu verbessern.
Das Kind immer wieder zum Laufen auffordern
Wenn dein Kind lieber krabbelt, obwohl es bereits stehen kann, ist das zunächst nachvollziehbar: Krabbeln ist für dieses Kind möglicherweise noch die schnellere und sicherere Fortbewegungsart.
Freies Gehen wird mit zunehmender Übung attraktiver und effizienter.
Ständiges Auffordern zum Laufen ist dafür nicht notwendig.
Das Kind an den Armen hochziehen
Wenn dein Kind vom Boden aufstehen möchte, sollte es möglichst Gelegenheit bekommen, eigene Bewegungsstrategien zu entwickeln.
Es regelmässig an beiden Armen nach oben zu ziehen, nimmt ihm einen grossen Teil dieser Bewegungsaufgabe ab.
Das bedeutet nicht, dass du deinem Kind niemals die Hand geben darfst. Entscheidend ist, dass genügend Situationen bestehen, in denen es selbst aktiv werden kann.
Permanent an beiden Händen laufen
Gelegentlich gemeinsam an den Händen zu laufen ist kein Problem.
Wird ein Kind jedoch fast ausschliesslich auf diese Weise zum Gehen gebracht, erhält es weniger Gelegenheit, sein Gleichgewicht selbst zu regulieren.
Freies Laufen lässt sich deshalb nicht dadurch beschleunigen, dass möglichst viele Meter an den Händen zurückgelegt werden.
Mit anderen Kindern vergleichen
Ein gleichaltriges Kind, das bereits läuft, sagt wenig darüber aus, ob sich dein eigenes Kind auffällig entwickelt.
Sinnvoller ist der Vergleich mit der bisherigen Entwicklung deines Kindes: Welche Fähigkeiten sind in den vergangenen Wochen und Monaten hinzugekommen?
Ein Entwicklungsvergleich wird erst dann medizinisch relevant, wenn Meilensteine, Bewegungsqualität und weitere Auffälligkeiten gemeinsam betrachtet werden.
Auffälligkeiten monatelang nur beobachten
Die Aussage „Es wird schon irgendwann laufen“ ist ebenso wenig hilfreich wie unnötige Alarmierung.
Wenn dein Kind mit etwa 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft oder bereits vorher deutliche Auffälligkeiten zeigt, ist eine fachliche Beurteilung sinnvoll.
Das gilt besonders bei ausgeprägten Seitenunterschieden, auffälliger Muskelspannung, fehlender Gewichtsübernahme auf die Beine oder dem Verlust bereits erlernter Fähigkeiten.
Eine Abklärung bedeutet dabei nicht automatisch, dass eine Therapie notwendig ist. Sie kann genauso zum Ergebnis kommen, dass die bisherige Entwicklung nachvollziehbar ist und zunächst weiter beobachtet werden kann.
Wann kann Kinderphysiotherapie sinnvoll sein?
Kinderphysiotherapie kann sinnvoll sein, wenn dein Kind motorische Entwicklungsschritte deutlich später erreicht, ungewöhnliche Bewegungsstrategien zeigt oder unklar ist, warum das freie Laufen noch nicht gelingt.
Dabei geht es nicht darum, einem Kind möglichst schnell das Laufen „beizubringen“.
Eine kinderphysiotherapeutische Untersuchung versucht vielmehr herauszufinden, welche Voraussetzungen bereits vorhanden sind und an welcher Stelle die weitere Entwicklung möglicherweise erschwert wird.
Dabei können unter anderem beurteilt werden:
spontane Bewegungen
Übergänge zwischen verschiedenen Positionen
Fortbewegung am Boden
Hochziehen zum Stand
Gewichtsübernahme auf die Beine
Stehen und Gleichgewicht
Beweglichkeit
Kraft
Muskelspannung
Symmetrie zwischen beiden Körperseiten
individuelle Bewegungsstrategien
Auch die Umgebung spielt eine Rolle. Manchmal reichen kleine Veränderungen im Alltag aus, um einem Kind bessere Möglichkeiten für selbstständige Bewegungserfahrungen zu geben.
Bei anderen Kindern zeigt die Untersuchung, dass gezielte physiotherapeutische Unterstützung oder eine weitere medizinische Abklärung sinnvoll ist.
Physiotherapie beschleunigt Entwicklung nicht auf Knopfdruck
Ein wichtiges Ziel der Kinderphysiotherapie ist nicht, einen bestimmten Meilenstein bis zu einem festgelegten Datum zu erreichen.
Motorische Entwicklung lässt sich nicht wie ein Trainingsplan abarbeiten.
Wenn jedoch beispielsweise Gleichgewicht, Kraft, Beweglichkeit oder Bewegungsstrategien die Entwicklung erschweren, können passende spielerische Aktivitäten eingesetzt werden. Eltern erhalten dabei konkrete Möglichkeiten, wie sie ihr Kind im Alltag unterstützen können, ohne aus jedem Spiel eine Übungseinheit zu machen.
Gerade wenn ein Kind noch nicht läuft, kann eine solche Beurteilung helfen, zwischen einer späteren, aber fortschreitenden Entwicklung und einer Situation zu unterscheiden, die genauer untersucht oder begleitet werden sollte.
Was passiert bei einer kinderphysiotherapeutischen Untersuchung?
Eine Untersuchung in der Kinderphysiotherapie unterscheidet sich deutlich von einer klassischen Untersuchung bei Erwachsenen.
Das Kind soll sich möglichst natürlich bewegen können. Deshalb findet ein grosser Teil der Beurteilung spielerisch statt.
Zu Beginn ist die bisherige Entwicklung wichtig. Dabei können beispielsweise Schwangerschaft und Geburt, eine mögliche Frühgeburt, bisher erreichte Entwicklungsschritte und Beobachtungen aus dem Alltag besprochen werden.
Anschliessend wird betrachtet, wie sich dein Kind spontan bewegt.
Je nach Alter und Entwicklungsstand kann beobachtet werden, wie es:
auf dem Boden spielt und sich fortbewegt
zwischen verschiedenen Positionen wechselt
sich hochzieht
wieder zum Boden gelangt
auf beiden Beinen Gewicht übernimmt
an Möbeln steht
sein Gewicht verlagert
sich seitlich fortbewegt
das Gleichgewicht reguliert
beide Körperseiten einsetzt
Zusätzlich können Beweglichkeit, Muskelspannung und Kraft altersgerecht beurteilt werden.
Entscheidend ist nicht, ob dein Kind eine bestimmte Aufgabe auf Kommando perfekt ausführt. Gerade kleine Kinder zeigen ihre tatsächlichen Fähigkeiten häufig besser beim Spielen und Erkunden.
Am Ende sollte für dich verständlich sein, wie die motorische Entwicklung aktuell einzuschätzen ist und was als Nächstes sinnvoll ist.
Das kann bedeuten, die Entwicklung zunächst weiter zu beobachten, bestimmte Bewegungsmöglichkeiten im Alltag anzubieten, kinderphysiotherapeutisch zu begleiten oder bei entsprechenden Auffälligkeiten eine zusätzliche kinderärztliche Abklärung zu empfehlen.
Häufige Fragen: Mein Kind läuft noch nicht
Ab wann sollte ein Kind laufen können?
Die ersten freien Schritte entstehen innerhalb einer relativ breiten Entwicklungsspanne. Nach den WHO-Daten liegt der mittlere Zeitpunkt für selbstständiges Gehen ungefähr bei 12 Monaten, die beobachtete Spannbreite reicht aber deutlich darüber hinaus.
Deshalb ist der erste Geburtstag keine Frist, bis zu der ein Kind laufen können muss. Neben dem Alter zählt, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind. Zieht sich dein Kind hoch, steht es mit Unterstützung, bewegt es sich an Möbeln entlang und kommen kontinuierlich neue Fähigkeiten hinzu? Solche Beobachtungen helfen dabei, die Entwicklung besser einzuordnen als ein einzelnes Datum im Kalender.
Ist es normal, wenn mein Kind mit 12 Monaten noch nicht läuft?
Ja. Mit 12 Monaten noch nicht frei zu laufen, liegt innerhalb der üblichen Entwicklungsspanne. Einige Kinder laufen zu diesem Zeitpunkt bereits sicher, andere beginnen erst in den folgenden Monaten mit den ersten freien Schritten.
Interessanter ist, wie sich die gesamte Motorik entwickelt. Kann dein Kind selbstständig Positionen wechseln, sich fortbewegen oder bereits versuchen, sich hochzuziehen? Zeigt es auf beiden Körperseiten ähnliche Bewegungen und entwickelt es neue Fähigkeiten? Das freie Laufen ist nur ein Teil der motorischen Entwicklung und sollte nicht isoliert beurteilt werden.
Ist es normal, wenn mein Kind mit 15 oder 16 Monaten noch nicht läuft?
Auch mit 15 oder 16 Monaten können die ersten freien Schritte noch bevorstehen. In diesem Alter lohnt sich aber ein genauerer Blick auf die Fähigkeiten, die zum Laufen hinführen.
Zieht sich dein Kind selbstständig hoch, steht es an Möbeln, läuft seitlich daran entlang und wird zunehmend sicherer, sind bereits wichtige Voraussetzungen vorhanden. Fehlen dagegen mehrere dieser Fähigkeiten oder macht dein Kind über längere Zeit kaum motorische Fortschritte, kann eine fachliche Einschätzung sinnvoll sein. Entscheidend ist nicht nur, obdein Kind läuft, sondern wie sich seine motorische Entwicklung insgesamt verändert.
Was ist, wenn mein Kind mit 18 Monaten noch nicht läuft?
Wenn dein Kind mit 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft, sollte seine motorische Entwicklung genauer beurteilt werden. Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Erkrankung oder Entwicklungsstörung vorliegt.
Bei einer solchen Beurteilung wird unter anderem betrachtet, ob dein Kind sich selbstständig hochzieht, an Möbeln entlanggeht, Gewicht auf beide Beine übernimmt und wie sich seine motorischen Fähigkeiten bisher entwickelt haben. Auch Muskelspannung, Symmetrie und weitere Entwicklungsbereiche können relevant sein. Die Abklärung hilft also vor allem dabei herauszufinden, warum die freien Schritte noch fehlen.
Wann ist spätes Laufen auffällig?
Spätes Laufen wird vor allem dann relevanter, wenn weitere Auffälligkeiten hinzukommen. Dazu gehören beispielsweise deutlich unterschiedliche Bewegungen der beiden Körperseiten, auffällig hohe oder niedrige Muskelspannung, Schwierigkeiten bei der Gewichtsübernahme auf die Beine oder kaum erkennbare motorische Fortschritte über längere Zeit.
Besonders wichtig ist der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten. Wenn dein Kind etwas plötzlich nicht mehr kann, das zuvor sicher möglich war, sollte dies zeitnah ärztlich abgeklärt werden. Das Alter der ersten Schritte allein reicht dagegen nicht aus, um eine Entwicklungsstörung festzustellen.
Muss ein Kind krabbeln, bevor es laufen kann?
Nein. Klassisches Krabbeln auf Händen und Knien ist keine zwingende Voraussetzung für das spätere Laufen.Kinder können unterschiedliche Strategien zur Fortbewegung entwickeln und einzelne motorische Entwicklungsschritte anders durchlaufen.
Fehlendes Krabbeln allein bedeutet deshalb nicht automatisch, dass eine Entwicklungsstörung besteht. Wichtiger ist, wie sich dein Kind insgesamt bewegt: Kann es Positionen selbstständig wechseln? Nutzt es beide Körperseiten? Entwickelt es neue Möglichkeiten zur Fortbewegung? Auffällige Asymmetrien oder mehrere fehlende motorische Fähigkeiten können dagegen eine genauere Beurteilung sinnvoll machen.
Mein Kind läuft nur an Möbeln, ist das normal?
Das seitliche Gehen an Möbeln ist ein typischer Schritt auf dem Weg zum freien Laufen. Dein Kind übt dabei bereits wichtige Fähigkeiten wie Gewichtsverlagerung, Gleichgewicht und das abwechselnde Belasten der Beine.
Zwischen diesem sogenannten „Cruising“ und den ersten freien Schritten kann einige Zeit liegen. Das Festhalten bietet zusätzliche Sicherheit, die beim freien Gehen plötzlich wegfällt. Interessant ist deshalb, ob dein Kind zunehmend variabler wird: Hält es sich zeitweise nur mit einer Hand fest, wechselt es zwischen Möbelstücken oder steht es gelegentlich kurz frei? Solche Veränderungen zeigen zunehmende Selbstständigkeit im Stand.
Mein Kind läuft nur an der Hand, was bedeutet das?
Wenn dein Kind an deiner Hand laufen kann, zeigt das bereits, dass es Gewicht auf die Beine übernehmen und Schritte ausführen kann. Das freie Gehen stellt jedoch höhere Anforderungen an das Gleichgewicht, weil deine Unterstützung wegfällt.
Du musst deshalb nicht versuchen, immer längere Strecken mit deinem Kind an der Hand zurückzulegen. Biete ihm zusätzlich Möglichkeiten, sich selbstständig hochzuziehen, an stabilen Möbeln entlangzugehen und kurze Momente ohne Unterstützung auszuprobieren. Wann es tatsächlich loslässt, sollte möglichst vom Kind selbst ausgehen.
Wie kann ich mein Kind beim Laufenlernen unterstützen?
Am hilfreichsten sind sichere Möglichkeiten für selbstständige Bewegung. Dein Kind kann beispielsweise auf dem Boden spielen, sich an stabilen Möbeln hochziehen, daran entlanggehen und selbst wieder zum Boden zurückkehren.
Spielzeug auf unterschiedlichen Höhen oder zwei nahe beieinanderstehende stabile Möbelstücke können zusätzliche Bewegungsanreize schaffen. Ein festes Übungsprogramm ist für ein gesundes Kind normalerweise nicht erforderlich. Es geht weniger darum, möglichst viele Schritte zu trainieren, sondern darum, Erfahrungen mit Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung und verschiedenen Bewegungsübergängen zu ermöglichen.
Sind Lauflernwagen sinnvoll?
Ein stabiler Schiebewagen kann einem Kind, das bereits selbstständig stehen und sich hochziehen kann, zusätzliche Bewegungsmöglichkeiten bieten. Er ist aber nicht notwendig, damit ein Kind laufen lernt.
Davon zu unterscheiden sind mobile Babywalker oder Gehfrei-Systeme, in denen das Kind sitzt und sich mit den Füssen abstösst. Pädiatrische Fachorganisationen wie die American Academy of Pediatrics raten von solchen Geräten insbesondere wegen des Verletzungsrisikos ab. Sie sind zudem nicht erforderlich, um die Entwicklung des freien Laufens zu fördern.
Sollte mein Kind zuhause barfuss laufen?
Auf einem sicheren und angenehm temperierten Untergrund kann dein Kind zuhause gut barfuss stehen und laufen. Dadurch können sich Fuss und Zehen frei bewegen und haben direkten Kontakt mit dem Boden.
Barfusslaufen ist jedoch keine Voraussetzung dafür, dass ein Kind richtig laufen lernt. Draussen erfüllen Schuhe eine wichtige Schutzfunktion. Entscheidend sind dort eine passende Grösse, ausreichend Platz für die Zehen und genügend Bewegungsfreiheit. Spezielle „Lauflernschuhe“, die einem gesunden Kind das Laufen beibringen sollen, sind nicht notwendig.
Wann braucht mein Kind Kinderphysiotherapie?
Kinderphysiotherapie kann sinnvoll sein, wenn dein Kind motorische Entwicklungsschritte deutlich später erreicht, ungewöhnliche Bewegungsmuster zeigt oder unklar ist, weshalb es noch nicht frei läuft.
Dabei wird nicht nur das Gehen untersucht. Auch Fortbewegung am Boden, Übergänge, Hochziehen, Stehen, Gleichgewicht, Muskelspannung, Beweglichkeit, Kraft und die Nutzung beider Körperseiten können beurteilt werden. Anschliessend lässt sich besser entscheiden, ob Unterstützung notwendig ist, weitere medizinische Abklärungen sinnvoll sind oder die Entwicklung zunächst beobachtet werden kann.
Kann spätes Laufen erblich sein?
Familiäre Unterschiede können beim Zeitpunkt motorischer Entwicklungsschritte eine Rolle spielen. Die Aussage „Ich bin auch erst spät gelaufen“ reicht aber nicht aus, um eine verzögerte Entwicklung beim eigenen Kind automatisch als unproblematisch einzustufen.
Entscheidend bleibt die aktuelle Entwicklung des Kindes. Wenn es kontinuierlich Fortschritte macht und keine weiteren Auffälligkeiten zeigt, ist die Situation anders zu beurteilen als bei zusätzlichen motorischen Schwierigkeiten. Familiengeschichte kann deshalb eine hilfreiche Information für Kinderarzt oder Kinderphysiotherapie sein, ersetzt aber nicht die Beurteilung des Kindes selbst.
Warum steht mein Kind, läuft aber noch nicht?
Stehen und freies Laufen stellen unterschiedliche Anforderungen an das Gleichgewicht. Beim Festhalten an einem Möbelstück kann dein Kind einen Teil seiner Stabilität über die Hände sichern. Beim freien Schritt muss es dagegen sein Gewicht auf ein Bein verlagern, das andere anheben und gleichzeitig das Gleichgewicht kontrollieren.
Deshalb können Kinder bereits längere Zeit stehen oder an Möbeln entlanglaufen, bevor sie sich an freie Schritte wagen. Wenn dein Kind dabei zunehmend sicherer wird und neue Fähigkeiten entwickelt, kann dies Teil des normalen Übergangs zum selbstständigen Gehen sein.
Fazit: Mein Kind läuft noch nicht, wann sollte ich handeln?
Wenn dein Kind noch nicht läuft, ist das Alter ein wichtiger Orientierungspunkt – aber nicht die einzige Information, die zählt. Mit 12 Monaten müssen Kinder noch nicht frei laufen. Auch danach besteht eine relativ breite Entwicklungsspanne.
Achte deshalb darauf, wie sich dein Kind insgesamt entwickelt. Zieht es sich hoch? Übernimmt es Gewicht auf die Beine? Bewegt es sich an Möbeln entlang? Nutzt es beide Körperseiten und kommen neue Fähigkeiten hinzu?
Wenn dein Kind mit etwa 18 Monaten noch nicht selbstständig läuft, ist eine gezielte Entwicklungsbeurteilung sinnvoll. Auch unabhängig vom Alter sollte genauer hingeschaut werden, wenn deutliche Seitenunterschiede, auffällige Muskelspannung, Schmerzen, fehlende Fortschritte oder andere Entwicklungsauffälligkeiten bestehen.
Der Verlust bereits erworbener Fähigkeiten sollte zeitnah medizinisch abgeklärt werden.
Laufenlernen lässt sich nicht erzwingen. Eine sichere Umgebung mit vielen Möglichkeiten zur selbstständigen Bewegung ist meistens hilfreicher als intensives Üben oder ständiges Laufen an den Händen.
Und wenn du nicht einschätzen kannst, ob die Entwicklung deines Kindes noch gut zu seinem Alter und bisherigen Verlauf passt, kann eine fachliche Untersuchung genau diese Frage klären.
Unsicher, ob die motorische Entwicklung deines Kindes altersgerecht ist?
Wenn dein Kind noch nicht frei läuft oder du bei seiner motorischen Entwicklung unsicher bist, können wir genauer anschauen, welche Fähigkeiten bereits vorhanden sind und wo möglicherweise Unterstützung sinnvoll ist.
In der Kinderphysiotherapie beurteilen wir unter anderem Bewegungsabläufe, Muskelspannung, Kraft, Gleichgewicht, Symmetrie und die bisherigen Entwicklungsschritte. Anschliessend erhältst du eine verständliche Einschätzung und, falls sinnvoll, konkrete Anregungen für den Alltag und Übungen für zuhause.
Vereinbare einen Termin zur persönlichen Einschätzung oder kontaktiere uns unverbindlich.



